IPM - Institut für Präventive Medizin IPM - Institut für Präventive Medizin IPM - Institut für Präventive Medizin

IPM - Aktuell

- Ausgabe 1/2002 -

Inhalt

Begrüßung
Patienten als Partner
Selbsthilfegruppen zum Hochdruck
Vermischtes
Die Nürnberger Präventionsbefragung
Termine

 


 

Begrüßung

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

die erste 2002-Ausgabe von IPM-Aktuell ist fertig - dem Informationsblatt für Patienten und Interessierte aus dem Institut für Präventive Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Wundern Sie sich nicht: In dieser Ausgabe stehen vor allem Sie im Mittelpunkt: Wir gehen der Frage nach, wie die Kommunikation zwischen Patientinnen und Patienten und ihren behandelnden Ärzten funktioniert. Und wir fragen, ob eine besondere Gesprächskultur und gemeinsame Entscheidungen sich auch auf den Krankheitsverlauf auswirken. Sie ahnen bereits: Es gibt hier durchaus einen Zusammenhang.

Unser Institut, das IPM, erforscht grundsätzlich das Thema »Vorsorge«, genauer gesagt: Vorsorge von Herz-, Kreislauf- , Nieren- und Stoffwechselerkrankungen. Daher informieren wir Sie auch in unserer IPM-Broschüre über aktuelle Entwicklungen auf diesen Gebieten und zeigen Ihnen, was in der nationalen und internationalen Forschung derzeit diskutiert wird.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß bei der Lektüre und freuen uns auf Ihre Reaktion. Stellen Sie Ihre Fragen, wir antworten gern! Wenn Sie mögen, nutzen Sie außerdem unser Angebot im Internet. Sie finden uns natürlich unter www.ipm-aktuell.de.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen

Ihr

Prof. Dr. Roland E. Schmieder
Vorstand Institut für Präventive Medizin

 

Patienten als Partner

Über die heilsame Wirkung gemeinsamer Entscheidungen.

Endlich beginnt die Debatte darüber auch in Deutschland, nachdem das
Thema in den USA schon seit längerem diskutiert wird: es geht um die
Beteiligung von Patientinnen und Patienten an medizinischen
Entscheidungen ? und aus dem Blickwinkel der Wissenschaft: es geht um
die Auswirkungen einer partnerschaftlichen Entscheidungsfindung in der
Medizin auf den Verlauf einer Erkrankung, zum Beispiel bei der
Hypertonie...

Die Diagnose »Hoher Blutdruck« ist in der Medizin ein klassisches
Beispiel dafür, dass Arzt und Patient oft vor die Wahl gestellt sind.
Sie müssen Entscheidungen treffen zwischen sehr unterschiedlichen
Behandlungswegen.

Bei einem erstmals festgestellten hohen Blutdruck und nach der Abklärung
seiner Ursache können Arzt und Patient wählen: zwischen einer Behandlung
mit Arzneimitteln oder einer Therapie mit nicht-medikamentösen
Maßnahmen. Interessant dabei: Schon in den 70er Jahren zeigen
Untersuchungen aus den USA, dass sich die Teilnahme der Patienten an
einem medizinischen Entscheidungsprozess auf konkrete klinische Werte
günstig auswirken können, beispielsweise auch auf den unter einer
Behandlung erzielten Blutdruck.
(Quelle: Medical Care 1979;3:267-280)

Patienten als Mitwisser

Eine Analyse der internationalen Literatur der vergangenen Jahrzehnte
bestätigt diese Untersuchungen: Patientinnen und Patienten möchten
erstens über die Behandlungsmöglichkeiten informiert werden und zweitens
möchten sie bei mehr als einer Behandlungsmöglichkeit in die
entsprechende Entscheidung mit einbezogen werden.
(Quelle: Soc Science Medicine 1998; 47:329-339)

Keine Angst vor dem Wissen

Aber wie reagieren die Patienten auf das wachsende Wissen, das einer
gemeinsamen Entscheidung zugrunde liegen soll? Entstehen hier neue
Ängste und Befürchtungen? Die Wissenschaft sagt: Nein! Eine umfassende
Untersuchung hat inzwischen belegt, dass die Einbeziehung der Patienten
in ihre Behandlungsentscheidungen weit weniger Angst erzeugt, als
vielfach angenommen.
(Quelle: BMJ 1998; 319:731-734)

Sogar bessere Blutdruckwerte

Um Patienten in die Entscheidungsprozesse stärker einbeziehen zu können,
wurden sie in den genannten Studien auf unterschiedliche Weise mit dem
nötigen Wissen vertraut gemacht, u.a. durch Schulungen, Filme oder
interaktive PC-Programme.

Dann sind die Studien der Frage nachgegangen, ob und wie sich eine
stärkere Beteiligung von Patienten an der Behandlung auf deren
Lebensqualität und den Krankheitsverlauf auswirkt, etwa im Sinne einer
Verminderung von Schmerzen und Angst und einer schnelleren Heilung.

Einige Studien haben sich auf den Bluthochdruck konzentriert und dabei
zeigen können, dass aktiv beteiligte Patienten nicht nur kurzfristig
bessere Blutdruckwerte erzielen, sondern sich auch grundsätzlich besser
auf die Behandlung einlassen können, was im medizinischen Fachjargon als
Compliance bezeichnet wird.
(Quelle: Lancet 1976;1265-1268)

Wissen, Entscheiden, Leben

Wie sehr es sich lohnt, eine Behandlungsentscheidung nicht nur
persönlich mitzutreffen, sondern später auch umzusetzen, zeigt das
folgende Beispiel.

Die Lebenserwartung bei einem 35jährigen Mann sinkt nach einem über
Jahre bestehenden erhöhten Blutdruck von 150/100 mmHg um
durchschnittlich 16,5 Jahre. Dabei braucht es nicht viel, um das Leben
von Hochdruckpatienten zu verlängern: Wer den sogenannten diastolischen
Wert, also den zweiten der beiden Werte, über Jahre um ca. 5-6 mmHg
senkt, verringert damit das Risiko für einen Herzinfarkt um 20% und
einen Schlaganfall um 40%.

Die Kunst ist es allerdings, dies auch über 5-6 Jahre durchzuhalten.
Denn die Senkung des Blutdruckes ist besonders davon abhängig, dass die
Patientinnen und Patienten dem eingeschlagenen Behandlungsweg für lange
Zeit treu bleiben.

Und das scheint vor allem dann der Fall zu sein, wenn sie die
Entscheidung über die Behandlung nach größtmöglicher Information und
gemeinsam mit ihrem Arzt getroffen haben. So übernehmen Patienten
Verantwortung und wirken aktiv an ihrer Behandlung mit.

Ministerium fördert Forschung

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse hat inzwischen das
Bundesgesundheitsministerium ein großes Forschungsprojekt gestartet, um
auch in Deutschland die Rolle der Patientenbeteiligung zu stärken.

 

Auf Herz und Nieren geprüft:

Selbsthilfegruppen zum Hochdruck

In dieser Rubrik stellen wir in jeder Ausgabe eine Selbsthilfegruppe vor
ob zu Herz, Nieren oder Hochdruck. Eine Ideenbörse für Anregungen und
Informationen zur Gruppenarbeit. Diesmal geht es um eine
Selbsthilfegruppe von Diabetikern - unter dem Dach des Deutschen
Diabetiker Bund (DDB) im Bezirksverband Ostwestfalen-Süd.

Im Herbst 1997 hatten in Warburg einige Diabetikerinnen und Diabetiker,
ein Diabetologe und ein engagierter Apotheker über die Gründung einer
Selbsthilfegruppe nachgedacht, seit Herbst 1998 ist daraus eine
Ortsgruppe im Deutschen Diabetes Bund, DDB, geworden, der sich bis heute
mehr als 70 Mitglieder angeschlossen haben.

Die Gruppe trifft sich einmal im Monat zur Information und zum
gegenseitigen Erfahrungsaustausch und an den Treffen nehmen regelmäßig
etwa ein gutes Dutzend Mitglieder teil.

In der Gruppe kann man ohne Scheu über das Thema Diabetes mit all’
seinen »Begleiterscheinungen« sprechen, - über Probleme mit der
Blutzuckereinstellung, über Erfahrungen in Beruf und Familie und
überhaupt im ganzen sozialen Umfeld. Es werden Erfahrungen ausgetauscht;
Gruppenbesucher profitieren vom Wissen der anderen. In der Begegnung mit
anderen Menschen kann man sich auch selbst besser kennenlernen.

Im gegenseitigen Erfahrungs- und Wissensaustausch gelangen die
Mitglieder der Gruppe durch den regelmäßigen Besuch auf einen hohen
aktuellen Stand in Bezug auf den Diabetes mellitus und seine Behandlung.

Um an den regelmäßigen Treffen der Diabetiker Selbsthilfegruppe in
Warburg teilzunehmen, muß man nicht unbedingt Mitglied im DDB sein; jede
und jeder Interessierte ist herzlich willkommen. Die Mitgliedschaft im
DDB ist eine freiwillige und persönliche Entscheidung.

Die Treffen finden jeweils abends statt in einer Gaststätte in Warburg
in der Hauptstraße. Hinweise auf die Treffen liegen in Warburg aus bei
der Hirsch-Apotheke, der Altstadt-Apotheke. Oder fragen Sie Ihren
ortsansässigen Diabetologen.

 

Vorsorge & Vermischtes ...

Unsere IPM-Experten kommentieren Studien

Blutdruckmessgeräte - Oft eine Fehlanzeige

Zuhause den Blutdruck messen: Das hilft Ärzten und Patienten. Es gibt
mehr Sicherheit und mehr Kontrolle. Doch viele Blutdruck-Meßgeräte
messen falsch. Die STIFTUNG WARENTEST hat jetzt 17 Modelle getestet.
Fünf Geräte sind nur ausgezeichnet, vier sogar mangelhaft. Der
IPM-Kommentar:

»Selbst die besten Geräte liefern nur in 60-70 Prozent der Fälle
korrekte Werte. Den Patienten bleibt da nur eins: Häufig und regelmäßig
messen. Aus diesen Messwerten läßt sich der Trend zum tatsächlichen
Blutdruck ableiten. Das Ergebnis wird verläßlicher, wenn zu gleichen
Tageszeiten gemessen wird.«
Anja Deinzer
Ärztin am Institut für Präventive Medizin
an der Universität Erlangen-Nürnberg

Vorurteil widerlegt - salzarm ist für alle gut

In 2001 zeigte eine Ernährungs-Studie aus den USA, dass allein die
Kombination von einer obst- und gemüsereichen Diät, der DASH-Diät, und
einem bewußt verringerten Gebrauch von Kochsalz den Blutdruck senken
können. Einziger Nachteil: Dies gelte nur für Frauen und für
Afroamerikaner. Dies ist inzwischen widerlegt. Unser IPM-Kommentar:

»Eine neue wegweisende Studie hat jetzt bewiesen: Eine salzarme
Ernährung bewirkt eine Blutdrucksenkung bei Gesunden oder Kranken, bei
Frauen und Männern, in jedem Alter und bei jeder Rasse. Der erste
Blutdruckwert wird dabei sogar bis zu 12mm Hg gesenkt.«
Prof. Dr. med. Roland Veelken
Oberarzt der Medizinischen Klinik IV der Universität Erlangen-Nürnberg

Rot- oder Weißwein? Was sagt der Doktor?

Im Wissenschaftsmagazin Nature wurde jüngst das »Französische Paradox«
aufgeklärt - dass nämlich die Franzosen trotz einer fettreichen
Ernährung die geringsten Raten an Erkrankungen von Herz- und Kreislauf
aufweisen. Die Vermutung ist bewiesen. Es liegt am Rotwein. Der
IPM-Kommentar:

»Die Studie zeigt, daß alle Rotweine, aber vermutlich kein Rose und
kein Weisswein, die Bildung der Substanz Endothelin 1 verringern. Und
die spielt eine Schlüsselrolle bei der Entstehung der
Arterienverkalkung. Die Empfehlung ist daher eindeutig. Im Zweifelsfall
lieber Rotwein trinken!«
Privatdozent Dr. med. Helmut Walter
Oberarzt der Medizinischen Klinik 4 der Universität Erlangen-Nürnberg

 

Die Nürnberger Präventionsbefragung

Wie groß ist die Bereitschaft der Bürger zur Prävention?

Interview mit dem Nürnberger IPM-Vorstand Prof. Dr. Roland E. Schmieder.
Der Facharzt für Innere Medizin ist zudem ein ausgewiesener Nieren- und
Hochdruckspezialist sowie der offizielle Landesbeauftrage der Deutschen
Hochdruckliga. Mit ihm sprach Stephan Kolb über eine bundesweit
einmalige Vorsorgestudie und über das Institut für Präventive Medizin.

Welche Aufgaben sieht das IPM für sich?

Schmieder: Das IPM sieht seine Hauptaufgabe darin, qualifizierte
Präventionskonzepte für Patienten, Ärzte, Krankenhäuser und Kostenträger
zu entwickeln. Wir untersuchen erstens, in welchem Umfang
Vorsorgemaßnahmen zur vorzeitigen Erkennung und Behandlung von
chronischen Krankheiten führen, zweitens wie wir die Lebensqualität der
Patienten verbessern können und drittens, wie damit auch die Kosten im
Gesundheitssystem sinken können.

Welche Rolle spielt dabei die Nürnberger Präventionsbefragung?

Schmieder: Mit der repräsentativen Befragung von 5000 Nürnberger Bürgern
haben wir beispielhaft das Vorsorgeverhalten der Bevölkerung einer
deutschen Großstadt erkundet, d.h. wir haben die Einstellung von Bürgern
zu präventiv-medizinischen Maßnahmen ermittelt und wir haben die
gesundheitsspezifischen Bedürfnisse der Bürger erfasst. Das war
bundesweit das erste Projekt dieser Art und jetzt bauen wir darauf auf
und entwickeln die passenden Vorsorgemodelle.

Was kam bei der Befragung heraus?

Schmieder: Jeder fünfte Bürger litt an Bluthochdruck und fast jeder
Fünfte an zu hohen Blutfetten. Dies entspricht dem Bundesdurchschnitt.
Besorgniserregend war aber, dass auch jeder Fünfte angab, nicht zu
wissen, ob er an einer der angegebenen chronischen Erkrankungen leide.
Und ebenso besorgniserregend: Gerade Menschen mit hohen Blutdruck oder
Blutfetten und besonders Diabetiker gaben an, ihre Gesundheitsstörung
nicht zu behandeln.

Was folgern Sie daraus?

Schmieder: Angesichts der massiven Folgeerkrankungen müssen wir
unbedingt die richtigen Angebote entwickeln, um gerade diese Personen
einer Behandlung zuführen Hier sind insbesondere Ärzte und Institutionen
des Gesundheitswesens gefragt, intensive Aufklärung zu leisten und
präventive Angebote zu unterstützen.

Wie kann das gelingen?

Schmieder: Wichtig dabei ist zu wissen - und auch das kam heraus bei der
Nürnberger Präventionsbefragung: Die Bürger sind nur dann bereit, etwas
für die Vorsorge zu tun, wenn der persönliche und finanzielle Aufwand
möglichst gering ist. Wir brauchen in Zukunft also vor allem sogenannte
»niedrigschwellige« Angebote. Aber ein gewissens Interesse scheint da zu
sein: Das Lebensziel »Gesundheit« hatte bei den Nürnberger Bürger
immerhin den höchsten Stellenwert.

 

Wichtige Termine für Ihren Kalender

7. April 2002
Herzseminar
Moderation: Dr. med. Antje Kühnemann
In den Rhein Main Hallen in Wiesbaden findet im Rahmen des Kongresses
der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin eine »Sprechstunde« des
Bayerischen Fernsehens statt zum Thema: die koronare Herzkrankheit -
Vorbeugung-Warnsignale-Behandlung.

21. September 2002
Deutscher Diabetiker Tag
Moderation: Jürgen Fliege
In der Stadthalle Kassel veranstaltet der Deutsche Diabetiker Bund 2002
seine jährliche Großveranstaltung. Das Motto: »Wir bewegen was! Deine
Rechte. Deine Zukunft.« Ein Tag mit Patienten und für Patienten.